Einfluss der Einstreu, der Schnabelbehandlung und Blunting auf die Leistung und Tiergesundheit von Puten

Tierschutz relevante Probleme in der Putenhaltung, wie Fußballenentzündungen, Beinstabilität, Überlebensrate oder aggressives Picken sind leider nur gering erblich. 85 - 95 % der Varianz in diesen Merkmalen ist auf Umwelteffekte zurück zuführen. Aviagen, das größte Putenzuchtunternehmen weltweit verwendet zwar bereits 34 % (Swalander 2012) der Selektionsintensität im Index auf Merkmale der Fitness und Tiergesundheit, schnelle Erfolge in Merkmalen mit geringer Heritabilität sind aber nur bei einer Optimierung des Managements, sowie der Haltungsparameter und der Fütterung zu erwarten.
In Hinblick auf die Fußballengesundheit (FPD: Foot Pad Dermatitis) scheint die Feuchte und das Einstreusubstrat eine dominierende Rolle (Abd El-Wahab et al. 2011) zu spielen. Gegen das Auftreten von Pickverletzungen werden Puten mit Ausnahmegenehmigung Infrarot-Schnabelbehandelt (IR), nachdem Ablenkungsstrategien durch Beschäftigungsmaterialien, wenn überhaupt, nur temporär Wirkung zeigten (Glawatz und Meyer 2012).
In der vorliegenden Untersuchung sollte überprüft werden, inwieweit unterschiedliche Einstreusubstrate und Schnabelbehandlungsmethoden, insbesondere IR Bestrahlung und „Blunting“ die Leistung und die Tiergesundheit von B.U.T. 6 Putenhähne beeinflussen.

Versuchsaufbau

Der Versuch wurde von der 28. bis zur 49. Kalenderwoche 2012 am Lehr- Versuchs- und Fachzentrum für Geflügel in Kitzingen durchgeführt. Bei dem Putenstall des LVFZ handelt es sich um einen Offenstall mit Unterdrucklüftung. Dabei erfolgt die Zuluftführung über computergesteuerte Klappen und die Abluftregelung über 6 thermostatisch gesteuerte Ventilatoren. Insgesamt standen 800 BIG 6 Hähne des Vermehrungsbetriebes Moorgut Kartzfehn zur Verfügung. Die Putenküken wurden in 12 Abteile bis einschließlich der 5. Lebenswoche aufgezogen, danach Sexfehler und verletzte Tiere oder Kümmerer eliminiert und anschließend 720 Hähne auf 24 Abteile randomisiert. Jedes Abteil war mit einer separaten Roxell Putenpfannenfütterung, einem Gasstrahler und Automatikrundtränken für Küken bzw. Putenhennen ausgestattet. Die 24 Versuchsabteile hatten eine Fläche von je 10 m². Die Besatzdichte betrug 3 Tiere/m². Das Licht- und Impfprogramm sah wie folgt aus:
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
Die Fütterung aller Tiere erfolgte mit pelletiertem Futter ad lib. nach einem praxisüblichen 6 Phasenprogramm des RKW-Süd.

Folgende Behandlungen wurden überprüft:

Rundtrog ohne Schleifscheibe

Rundtrog ohne Schleifscheibe

50 % der Hähne wurden in der Brüterei wurden einer Infrarot-Schnabelbehandlung unterzogen. Die Behandlung bewirkt ein Absterben der Schnabelspitze welche nach etwa 10 Tagen abfällt. Getrennt nach Schnabelbehandelt und Schnabelunbehandelt wurden die Tiere in je 12 Abteile eingestallt.
In jeweils sechs Abteile der beiden Varianten wurden Futtertröge mit Schleifscheiben der Körnung K30 (doppelseitig für Estrichschliff) ausgelegt. Die Futterfüllstandshöhe wurdemit etwa 2 cm so niedrig eingestellt, dass die Tiere gezwungen wurden bei der Futteraufnahme auf die Schleifscheibe zu picken.
Rundtrog mit Schleifscheibe

Rundtrog mit Schleifscheibe

Eine Estrichschleifscheibe (33 cm Ø) reicht in der Mastphase für 50 Tiere und mindestens zwei Durchgänge, da Sie beidseitig verwendet werden kann. Die Kosten belaufen sich auf 8,50 € je Scheibe (incl. MwSt) bzw. auf 8,5 ct. je Mastpute.
Drei verschiedene Einstreusubstrate wurden bis zum 35 Lebenstag auf die verschiedenen Abteile mit unterschiedlichen Schnabelbehandlungen verteilt. Sand, Hobelspäne und Miscanthus (Elefantengras)kamen zum Einsatz. Nach dem 35. Tag wurden Abteile welche mit Sand eingestreut waren mit Miscanthus oder Hobelspäne bestückt.

Datenerfassung und Auswertung

Sand als Einstreu

Sand als Einstreu

Die Datenerfassung für die Mastmerkmale lief über 21 Wochen (147 Tage).
Die Körpergewichte und der Futterverbrauch wurden am 14. Lebenstag, 63. Lebenstag, 91. Lebenstag und 119. Lebenstag jeweils am Ende einer Fütterungsphase für jedes Abteil erhoben. Nach Phase 2 (35. Lebenstag) und Phase 6 (147. Lebenstag) wurden zusätzlich zum futterverbrauch je Abteil auch Einzeltiergewichte erfasst.

Am 35. Tag wurden falsch sortierte weibliche Tiere aus den Abteilen entnommen.
Verluste wurden täglich mit Bestimmung Abgangsursache erfasst.
Hobelspäne als Einstreu

Hobelspäne als Einstreu

Eine Wöchentliche subjektive Einstreubeurteilung mit Bestimmung der Plattenbildung wurde durchgeführt. Ab Phase 4 wurde aufgrund der hohen Feuchte der Einstreu wöchhentlich mit 12 kg Hobelspäne bzw. Miscanthus je Abteil nachgestreut. Am Ende der Mast wurde das Nachstreuen auf zweimal wöchentlich erhöht.

Eine Subjektive Beurteilung der Fußballengesundheit nach einem 3 Punkte Schema wurde ab Futterphase 2 jeweils bei Futterwechsel und am Ende der Mast bei jedem einzelnen Tier durchgeführt.
Miscanthus als Einstreu

Miscanthus als Einstreu

Die Schnabelanatomie und der Schnabelschlusses wurden nach Versuchsende am 147. Tag bei allen Tieren beurteilt. Hierbei dienten zwei Punkteschematas getrennt nach Schnabelbehandlung ja oder nein als Grundlage.

Tiere die an Flügel und Rücken oder Kopf angepickt waren wurden jeweils nach Phasenende gemerzt.
Die statistische Auswertung erfolgte mit einem SAS Software Programmpaket nach einem fixen Varianzmodell mit den Effekten Infrarot-Behandlung (ja/nein), Blunting (ja/nein) und Einstreusubstrat (A/B/C).

Ergebnisse

Infrarot Behandlung

Die Hälfte der Putenküken wurde am 1. Tag in der Brüterei mit Ausnahmegenehmigung durch die zuständige Stelle Infrarot (IR) Schnabel behandelt. 50% (400 Tiere) der Hahnenküken wurde unbehandelt vom Moorgut Kartzfehn bezogen.
Die Aufzucht und Mast der BUT 6 Putenhähne lief ohne Verdauungsstörungen oder bakterielle Infektionen auf sehr gutem Niveau. Behandlungen mit Antibiotika waren daher über den gesamten Versuchszeitraum nicht notwendig. Tab. 1 zeigt die biologischen Leistungen mit bzw. ohne IR Schnabelbehandlung. Es wurden sehr hohe Zuwachsraten und Mastendgewichte von 23,795 kg (IR behandelt) und 23,959 kg (nicht behandelt) nach 21 Wochen Mastdauer festgestellt. Unbehandelte Tiere brachten 164 g mehr auf die Waage , benötigten aber auch 588 g mehr Futter, sodass die Futterverwertung nahezu identisch war. Das einzige Mastmerkmal mit statistisch gesichertem Unterschied waren die Verluste mit 10,5% für IR behandelte Tiere und 16,6% ohne Schnabel Behandlung, wobei auch einige blutig angepickte Tiere, die in Krankenabteile umgestallt werden mussten, als Verluste gezählt wurden.
Der Anteil angepickter Tiere bewegte sich bei den Infrarot behandelten Gruppen in den verschiedenen Phasen zwischen 2,6 - 5,0 %. Bei den BUT Hähnen ohne Schnabel Behandlung zeigten 8,9 - 14,8 % der Tiere blutige Verletzungen, durch aggressives Picken von Artgenossen am Kopf, Flügel oder Rücken. Die Unterschiede in der Häufigkeit von Pickverletzungen war hochsignifikant (Chi-Quadrtat Test).

Einstreusubstrat

Bis zur 5. Lebenswoche wurde 1/3 der Abteile im beheizten Aufzuchtstall mit 2 cm gewaschenem Flusssand (13,5 kg/m² Starteinstreu), vier Abteile mit 5 cm Hitze behandelter Weichholzhobelspäne (2 kg/m²) und vier Abteile mit gehäckselten Miscanthus 5 cm hoch (3 kg/m²) eingestreut. In den Abteilen mit Sand wurde in Phase 2 (3 -5 Lebenswoche) wöchentlich mit einem Rechen der Kot entfernt. Der Versuch mit Sand als Einstreu wurde nach dem 35. Tag abgebrochen und diese Abteile auf Hobelspan- bzw. Miscanthus als Einstreu umgestellt. Mit dem Alter der Putenhähne steigt die Stoffwechselintensität, die Wasser- und Futteraufnahme und Ausscheidungen an, gleichzeitig wurde ab Phase 3 nicht mehr geheizt. Dies führte in den mit Sand eingestreuten Abteilen rasch zu Kotplattenbildung und feuchter Bodenoberfläche. Sand als Einstreumaterial ist im Hinblick auf die spätere Entmistung und Nutzung des Kot-Einstreugemisches als Wirtschaftsdünger oder zur Energiegewinnung in Biogasanlagen nur sehr bedingt geeignet. Auf der anderen Seite zeigten alle Tiere mit Sandeinstreu am 35. Tag unisono saubere Laufflächen ohne Verletzungen oder Hyperkeratosen, während bei Hobelspan eingestreuten Abteilen nach Phase 2 12,5 % der Tiere in die Klasse 2 der Fussballenläsionen eingestuft wurden und bei der Einstreuvariante Elefantengras bereits 43,3 % leichte Fußballenveränderungen aufwiesen. Auch die Frequenz von angepickten Putenküken war nach 5 Wochen bei Sandeinstreu am niedrigsten.
In der Literatur wird davon ausgegangen, dass die Weichen für Fussballendermatitis bereits in den ersten Lebenswochen gestellt werden. In der vorliegenden Untersuchung konnten wir keine positive Nachwirkung der ehemals mit Sand eingestreuten Abteile auf die spätere Fußballengesundheit feststellen.
Am Ende des Versuches nach der 21. Lebenswoche waren Tiere die sich auf Hobelspaneinstreu bewegten 1.059 g signifikant schwerer als bei Miscanthus Einstreu (24,23 kg Hobelspäne; 23,17 kg Miscanthus). Allerdings verbrauchten B.U.T. Hähne auf Hobelspänen 4,53 kg mehr Futter, sodass tendenziell die Futterverwertung bei Miscanthus als Einstreu mit 2,53 kg Futteraufwand/kg Zuwachs 75 g besser war, als bei Hobelspaneinstreu (FVW 1 : 2,604).
FussballengesundheitZoombild vorhanden

Einfluss der Einstreu und des Alters auf die Häufigkeit von Fussballenläsionen

Bei den Verlustraten wurden keine Unterschiede zwischen den verschiedenen Einstreusubstraten festgestellt.
Miscanthus als Einstreu führt einerseits zu häufigeren und einem höheren Anteil tiefer gehender Fußballenläsionen als Hobelspaneinstreu, andererseits wurden 4 - 5 % weniger angepickte Putenhähne bei Miscanthus Einstreu nach Phase 2 bzw. Phase 6 beobachtet. Die geringere Futteraufnahme und tendenziell geringere Häufigkeit von Pickverletzungen spricht dafür, dass B.U.T. Hähne sich mit dieser Einstreuvariante mehr beschäftigen und zum Teil auch aufnehmen. Leider ist dieses Schilfgras relativ scharfkantig und trocknet schlechter ab, was zu Kotplattenbildung führen kann.
Bezüglich der Auswirkung des Einstreusubstrates auf die Leistung der Putenhähne in der Aufzucht (Phase 1 und Phase 2) wurden keine signifikanten Unterschiede beobachtet.

Blunting

In der freien Natur können Hühner und Puten die permanent nachwachsenden Hornteile des Schnabels und der Krallen durch scharren und picken abwetzen. Dieser natürliche Abrieb, der in unseren eingestreuten Ställen nur z.T. möglich ist, bezeichnet man als „Blunting" (abstumpfen). In der vorliegenden Studie haben wir untersucht ob durch Einlage von Estrich Schleifscheiben mit der Körnung K30 in die Futterpfannen nach Phase 2 einen Abrieb des scharfen Oberschnabels (unkupierte Tiere) oder des schaufelartigen Überstandes des Unterschnabels bei IR-Behandlung möglich ist.
Effekt des Bluntings auf die Schnabelmorphologie Infrarot behandelter B.U.T. 6-Hähne (Häufigkeit der untersuchten Tiere am 147. Tag, in %)Zoombild vorhanden

Effekt des Bluntings auf die Schnabelmorphologie Infrarot behandelter B.U.T. 6-Hähne

Die Ergebnisse sind, was die Schnabelmorphologie anbelangt verblüffend und auch für den Laien sofort ersichtlich. Durch die Einlage der Schleifscheiben konnte sowohl bei IR behandelten als auch bei Schnabel unbehandelten Puten, die zu Pickverletzungen beitragenden scharfen Ober- bzw. Unterschnabelspitzen, signifikant (Blunting ohne IR: X2 = 122,4***; Blunting mit IR: X2 = 104,0***) abgerieben werden. Ohne Blunting zeigten 87 % der nicht Schnabel behandelten Hähne einen spitzen Überstand des Oberschnabels von über 4 mm, 9 % einen stumpfen Überstand von ca. 2 mm und nur 4 % einen befriedigenden Schnabelschluß (Ober und Unterschnabel in etwa gleich lang). Mit Blunting wurde die Kategorie 1 (kein Oberschnabelabrieb) nur bei 10 % beobachtet, 26 % der Tiere zeigte einen mittleren Abrieb, 64 % einen guten Schnabelschluß.
Effekt des Bluntings auf die Schnabelmorphologie unbehandelter B.U.T. 6-Hähne (Häufigkeit der untersuchten Tiere am 147. Tag, in %)Zoombild vorhanden

Effekt des Bluntings auf die Schnabelmorphologie unbehandelter B.U.T. 6-Hähne

Ähnlich das Resultat der Infrarot-Schnabelbehandelten Putenhähne ist auch bei den unbehandelten Tieren ein großer Unterschied zu sehen. Ohne Blunting wurde bei 76 %, der Tiere ein schaufelartiger Überstand des Unterschnabels über 3 mm beobachtet, bei 24 % ein mittlerer Schnabelabrieb und bei 0 % ein starker Hornabrieb. Die korrespondierenden Zahlen bei Blunting waren: 4 % kein Abrieb; 77 % mittlerer Abrieb; 19 % starker Abrieb.
Ein direkter Effekt des Blunting auf die Verluste wurde nicht festgestellt. Allerdings waren zu Versuchsende, ohne Schnabelabrieb 11,8 % der Tiere am Rücken und Flügel angepickt, bei Blunting nur 3,3 %. Dies ist ein Hinweis darauf, dass nicht nur eine subjektiv optische Verbesserung der Schnabelform, sondern auch Schmerzen und Leid durch Pickverletzungen durch diese Maßnahme reduziert werden konnten. Natürlich wirken sich weniger angepickte Tiere auch auf die in der Schlachterei zu erzielenden Erlöse aus.

Zusammenfassung

In einem Haltungsversuch mit 720 B.U.T. 6 Putenhähne in 24 Abteilen von Juli bis Dezember 2012 am Lehr-, Versuchs- und Fachzentrum für Geflügelhaltung in Kitzingen wurde der Einfluss der Schnabelbehandlung (IR und Blunting) und des Einstreusubstrates auf die Leistung und die Tiergesundheit (Fussballendermatitis und angepickte Tiere) untersucht. Folgende Erkenntnisse wurden gewonnen:
  • Die Infrarot-Schnabehandlung reduzierte die Tierverluste um 6,1 % und den Anteil angepickter Tiere zu Versuchsende um 9,9 % signifikant im Vergleich zu nicht Schnabel behandelten Putenhähne.
  • Sand als Einstreu hatte einen positiven Effekt auf die Fussballengesundheit und zeigte die geringste Frequenz an angepickten Tieren am 35. Lebenstag gegenüber Miscanthus- und Hobelspan als Einstreu. Wegen der Kotplattenbildung und späteren Ausbringung aufs Feld oder in Biogasanlagen ist dieses Substrat aber höchstens bis zur 6. Lebenswoche im Aufzuchtstall mit Heizung zu empfehlen.
  • Gehäckseltes Elefantengras erhöhte das Fussballen Problem, auf der anderen Seite wurden weniger angepickte Putenhähne mit Miscanthus im Vergleich zur Hobelspäne nach Phase 2 und Phase 6 beobachtet.
  • In Abteilen mit Hitze behandelte Weichholzhobelspäne wogen die B.U.T. 6 Hähne bei der Ausstallung 1059 g/Tier signifikant mehr als bei Miscanthus, benötigten dafür aber auch signifikant mehr Futter, sodass Unterschiede in der Futterverwertung statistisch nicht abgesichert werden konnten. Die verwendeten Einstreusubstrate hatten keinen signifikanten Effekt auf die Verlustrate.
  • Blunting d.h. hier Schnabelabrieb durch Schleifscheiben im Futtertrog hatte keinen signifikanten Effekt auf die Leistung oder Abgangsrate. Überstehende scharfe Hornteile des Ober- oder Unterschnabels konnte durch diese Behandlungsmethode jedoch deutlich abgeschliffen werden. Es zeigte sich mit Blunting sowohl bei IR-Schnabel behandelten, als auch unbehandelten Puten ein besserer Schnabelschluss und 8,5 % weniger angepickte Tiere zu Versuchsende.
Blunting scheint ein viel versprechender Tierschutzansatz in der Putenaufzucht zu sein der in Feldstudien genauer untersucht werden sollte.